Sonntag, 11 November 2018 : Kommentar Hl. Anselm

Im Königreich des Himmels werden alle zusammen und wie ein Mann, zu einem einzigen König an der Seite Gottes, weil alle nur eine einzige Sache wünschen, und ihr Wunsch wird sich erfüllen. Dies ist das Gut, das Gott aus himmlischer Höhe zum Verkauf anbietet. Wenn sich nun jemand fragt, zu welchem Preis - hier ist die Antwort: Er, der ein Königreich im Himmel anbietet, hat keine irdische Münze nötig. Niemand kann Gott irgendetwas geben, was ihm nicht schon gehören würde, da alles, was existiert, sein Eigen ist. Und dennoch: Gott gibt eine so großartige Sache nicht einfach, ohne einen Preis festzulegen: Er gibt sie nicht Jemandem, der sie nicht wertschätzt. In der Tat gibt doch niemand etwas, das ihm lieb ist, an jemanden, der den Preis nicht bezahlen will. Daher also, wenn Gott deine Güter nicht braucht, muss er dir auch nicht eine so großartige Sache geben, wenn du es ablehnst, ihn zu lieben: Er verlangt nichts als Liebe, ohne die ihn nichts zwingen kann, zu geben. Liebe also, und du wirst das Königreich erhalten. Liebe, und du wirst es besitzen […] Liebe also Gott mehr als dich selbst, und schon beginnst du zu erhalten, was du im Himmel vollkommen besitzen möchtest.

November 10, 2018

Samstag, 10 November 2018 : Kommentar Hl. Clemens von Alexandrien

„Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist - Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen“ (Mt 10,42) […] Es ist der einzige Lohn, der nicht eines Tages seinen Wert verliert: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!“ Das Vermögen, über das wir verfügen, darf nicht nur uns dienen; mit ungerechten Gütern kann man ein gerechtes und nützliches Werk tun und einem von denen helfen, die der Vater für seine ewigen Wohnungen vorherbestimmt hat […] Wie schön ist doch das Wort des Apostels Paulus: „Gott liebt einen fröhlichen Geber“ (2 Kor 9,7): einen, der gern Almosen gibt; der sät, ohne zu rechnen und doch ebenso reichlich erntet; der ohne zu murren, zu zaudern oder zu zögern teilt […] Und noch gewaltiger ist das, was der Herr an einer anderen Stelle sagt: „Gib jedem, der dich bittet“ (Lk 6,30) […] Denk doch an den herrlichen Lohn, der deiner Großherzigkeit verheißen ist: die ewigen Wohnungen. Das ist doch ein wunderbarer Handel, ein außerordentliches Geschäft! Unsterblichkeit kann für Geld gekauft werden, die vergänglichen Güter dieser Welt können gegen eine ewige Wohnung im Himmel eingetauscht werden! Wenn ihr Reichen also klug seid, verwendet eure Mühe auf diesen Handel […] Warum lasst ihr euch von Diamanten und Smaragden umgarnen, von Häusern, die das Feuer verschlingt, an denen der Zahn der Zeit nagt und die ein Erdbeben zum Einsturz bringt? Trachtet ausschließlich danach, in den Himmel zu kommen und mit Gott zu herrschen. Ein Mensch, ein Armer, schenkt euch dieses Reich […] Der Herr hat übrigens nicht gesagt: „Gib!“ oder „Gewähre!“ oder „Erweise Wohltaten!“ oder „Hilf!“, sondern „Macht euch Freunde“. Freundschaft entsteht nicht durch ein einmaliges Geschenk, sondern erwächst aus einer langen Vertrautheit. Weder der Glaube noch die Nächstenliebe oder die Geduld sind das Werk eines einzigen Tages: „wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet“ (Mt 10,22).

November 9, 2018

Freitag, 9 November 2018 : Kommentar Hl. Augustinus

Salomo, der ja Prophet war, errichtete einen Tempel aus Stein und Holz […] für den lebendigen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, und der im Himmel wohnt […] Warum hat Gott verlangt, dass ein Tempel gebaut wird? Hatte er denn keine Bleibe mehr? Hört, was Stephanus während seiner Passion sagte: „Salomo […] baute ihm ein Haus. Doch der Höchste wohnt nicht in dem, was von Menschenhand gemacht ist“ (Apg 7,47f.). Warum also baute er einen Tempel oder ließ er einen Tempel bauen? Um ein Vorabbild des Leibes Christi zu schaffen. Der erste Tempel war nur ein Schatten (Kol 2,17): Wenn das Licht kommt, flieht der Schatten. Suchst du jetzt nach dem von Salomo gebauten Tempel? Du findest eine Ruine! Warum ist nur eine Ruine übriggeblieben? Weil die Wirklichkeit, die er ankündigt hatte, in Erfüllung ging. Der wahre Tempel, der Leib des Herrn, stürzte zwar ebenfalls ein, richtete sich aber wieder auf, und das so fest gegründet, dass er niemals mehr einstürzen kann […] Und unsere Leiber? Sie sind Glieder Christi. Hört, was der hl. Paulus sagt: „Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind?“ (1 Kor 6,15). Wenn er sagt: „Eure Leiber sind Glieder Christi“ – was heißt das anderes, als dass unsere Leiber, zusammen mit unserem Haupt, das Christus ist, einen einzigen Tempel bilden, den Tempel Gottes. Zusammen mit dem Leib Christi stellen unsere Leiber diesen Tempel dar […] Lasst euch zu einer Einheit aufbauen, um nicht - getrennt voneinander - einzustürzen.

November 8, 2018

Donnerstag, 8 November 2018 : Kommentar Hl. Petrus Chrysologus

Einen Gegenstand wiederzufinden, den wir verloren haben, erfüllt uns jedes Mal wieder mit Freude. Diese Freude ist größer als die, die wir vor dem Verlust hatten, als der Gegenstand noch in Sicherheit war. Das Gleichnis vom verlorenen Schaf sagt vor allem etwas aus über die zärtliche Liebe Gottes und nicht so sehr über das normale Verhalten der Menschen. Und es enthält eine tiefe Wahrheit. Von Bedeutendem zu lassen aus Liebe zu etwas sehr Bescheidenem: das ist Zeichen göttlicher Kraft, das ist nicht der menschlichen Begehrlichkeit eigen. Denn Gott ruft ja ins Dasein, was nicht ist; er sucht, was verloren ist, und behütet gleichzeitig, was er zurückgelassen hat; er findet das, was sich verirrt hat, und verliert dabei das nicht, was er hütet. Deshalb eben ist dieser Hirte nicht von der Erde, sondern vom Himmel. Das Gleichnis ist nicht etwa eine Darstellung dessen, was Menschen tun; es birgt vielmehr göttliche Geheimnisse, wie es auch die im Gleichnis enthaltenen Zahlen ohne weiteres veranschaulichen: „Wenn einer von euch“, sagt der Herr, „hundert Schafe hat und eins davon verliert“ […] Vom Verlust eines einzigen Schafes war der Hirt offensichtlich so schmerzlich betroffen, als wäre die ganze Herde seines Schutzes beraubt gewesen und hätte einen falschen Weg eingeschlagen. Deshalb verlässt er die neunundneunzig anderen und macht sich auf die Suche nach einem einzigen; er kümmert sich ausschließlich um ein einziges, damit er in diesem alle finden und retten kann.

November 7, 2018

Mittwoch, 7 November 2018 : Kommentar Hl. Bonaventura

Dann setzte der leibliche Vater [des hl. Franziskus] alles daran, den Sohn der Gnade, der alles Geld von sich getan hatte, vor den Bischof der Stadt zu bringen, damit er in dessen Hände auf das väterliche Erbe verzichte und alles, was er hatte, zurückgebe. Weil dieser aber die Armut aufrichtig liebte, erklärte er sich dazu gern bereit und erschien vor dem Bischof. Dort zeigte er kein Zaudern und kein Zögern wegen irgendetwas und wartete weder auf ein Wort noch sprach er selbst, sondern zog ohne Verzug seine Kleider aus und gab sie dem Vater zurück. Da sah man nun, dass der Gottesmann unter seinen feinen Gewändern auf bloßem Leibe ein Bußkleid trug. Ja, das wunderbare Feuer des Geistes machte ihn so trunken, dass er auch seine Unterkleider zurückgab und vor allen Leuten ganz entblößt stand und an seinen Vater die Worte richtete: „Bis heute habe ich dich auf Erden meinen Vater genannt, jetzt aber kann ich voll Vertrauen sprechen: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, bei dem ich all meine Schätze hinterlegt und auf den ich meine ganze Hoffnung und Zuversicht gesetzt habe.“ Als der Bischof das sah und erkannte, wie der Gottesmann vor übergroßer Liebe zum Herrn glühte, erhob er sich und schloss Franziskus weinend in seine Arme; da er aber ein guter Mann voll Erbarmen war, schlug er den Mantel, den er trug, um ihn und gebot dem Gesinde, man möge ihm etwas bringen, um die Blöße seines Leibes zu bedecken. Da brachte man das ärmliche und billige Kleid eines Bauern, der beim Bischof in Diensten stand. Voll Dank nahm Franziskus dieses Gewand an, zeichnete eigenhändig mit Kalk, den er fand, ein Kreuz darauf und machte es zum Kleid für einen gekreuzigten Menschen, zum Gewand eines halbnackten Armen. So also wurde der Knecht des allerhöchsten Königs von allem entblößt, um dem entblößten, gekreuzigten Herrn nachzufolgen, den er so sehr liebte; er wappnete sich mit dem Kreuze, um seine Seele dem Holz des Heiles auszuliefern und dadurch dem Schiffbruch der Welt zu entkommen.

November 6, 2018

Dienstag, 6 November 2018 : Kommentar Didachè

Bezüglich der Eucharistie haltet es so: Zunächst in Betreff des Kelches: Wir danken Dir, unser Vater, für den heiligen Weinstock Davids, Deines Knechtes, den Du uns zu erkennen gabst durch Jesus, Deinen Knecht; Dir sei die Ehre in Ewigkeit. Und in Betreff des gebrochenen Brotes: Wir danken Dir, unser Vater, für das Leben und die Erkenntnis, die Du uns zu erkennen gabst durch Jesus, Deinen Knecht; Dir sei die Ehre in Ewigkeit. Wie dieses gebrochene Brot auf den Bergen zerstreut war und zusammengebracht eins wurde, so möge Deine Gemeinde von den Enden der Erde zusammengebracht werden in Dein Reich; weil Dein ist die Ehre und die Macht durch Jesus Christus in Ewigkeit. […] Wenn ihr aber gesättigt seid, danket also: Wir danken Dir, heiliger Vater, für Deinen heiligen Namen, dessen Wohnung Du in unseren Herzen bereitet hast, und für die Erkenntnis und den Glauben und die Unsterblichkeit, die Du uns zu erkennen gabst durch Jesus Deinen Knecht; Dir sei die Ehre in Ewigkeit. Du allmächtiger Herrscher, „hast alles erschaffen“ um Deines Namens willen, hast Speise und Trank gegeben den Menschen zum Genusse, damit sie Dir danken; uns aber hast Du geschenkt eine geistige Speise, einen geistigen Trank und ein ewiges Leben durch Deinen Knecht. Vor allem danken wir Dir, weil Du mächtig bist; Dir sei die Ehre in Ewigkeit. Gedenke, o Herr, Deiner Gemeinde, dass Du sie erlösest von allem Übel und sie vollkommen machest in Deiner Liebe, „führe sie zusammen von den vier Winden“, die Geheiligte, in Dein Reich, das Du ihr bereitet hast; weil Dein ist die Macht und die Ehre in Ewigkeit. Es soll kommen die Gnade und vergehen diese Welt. „Hosanna dem Gotte Davids“ (Mt 21,9.15). Ist einer heilig, so soll er kommen; ist er’s nicht, so soll er sich bekehren, maranatha (1 Kor 16,22), Amen.

November 5, 2018

Montag, 5 November 2018 : Kommentar Hl. Gregor von Nazianz

Lasst uns auf die Gesundheit unseres Nächsten genauso achten wie auf die eigene, mag er wohlauf sein oder von Krankheit ermattet. Denn wir, die vielen, sind ein Leib in Christus (Röm 12,5), ob wir nun Reiche oder Arme, Sklaven oder Freie, Gesunde oder Kranke sind. Alle haben nur ein Haupt; er ist der Ursprung von allem, Christus (Kol 1,18). Was die Glieder des Leibes für einander sind, das ist jeder von uns für jeden seiner Brüder. Wir dürfen also nicht denjenigen gegenüber unachtsam sein noch sie im Stich lassen, die vor uns bereits in einen Zustand der Schwäche geraten sind; denn davon sind wir alle bedroht. Es ist besser, für das Missgeschick unserer armen Brüder Mitgefühl aufzubringen, als sich über die eigene gute Gesundheit zu freuen […] Sie sind wie wir nach dem Bild Gottes geschaffen und haben, trotz ihres sichtbaren gesundheitlichen Verfalls, die Treue zu diesem Bild besser bewahrt als wir. Sie sind in ihrem Inneren mit dem gleichen Christus bekleidet, haben den gleichen Anteil am Geist Gottes (2 Kor 5,5) erhalten; haben die gleichen Gesetze, die gleichen Gebote, die gleichen Verbindungen, die gleichen Zusammenkünfte, die gleichen Mysterien, die gleiche Hoffnung wie wir. Christus ist auch für sie gestorben, er, der die Sünde der Welt hinwegnimmt (Joh 1,29). Sie haben Anteil am Erbe des himmlischen Lebens. Sie, die viele irdische Güter entbehren mussten, werden als Leidensgefährten Christi teilhaben an seiner Herrlichkeit.

November 5, 2018

Sonntag, 4 November 2018 : Kommentar Hl. Franz von Sales

So wie Gott den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat, hat er auch eine Liebe zu den Menschen geboten, nach dem Bild und Gleichnis jener Liebe, die seiner Gottheit gebührt. „Du sollst“, sprach er, „den Herrn deinen Gott lieben mit deinem ganzen Herzen. Das ist das erste und wichtigste Gebot. Ein zweites ist diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mt 22,37-39). Warum lieben wir Gott, Theotimus? „Der Grund, warum wir Gott lieben“, sagt der hl. Bernhard (De dilig. Dei), „ist Gott selbst.“ Es ist, als wollte er sagen, wir lieben Gott, weil er die höchste und unendliche Güte ist. Warum lieben wir uns selbst in christlicher Liebe? Sicher, weil wir ein Bild und Gleichnis Gottes sind. Nachdem aber alle Menschen diese gleiche Würde besitzen, lieben wir sie auch wie uns selbst, nämlich als heilige, lebendige Abbilder Gottes. Denn als solche, Theotimus, gehören wir Gott an und zwar durch eine so enge Verbundenheit mit ihm und in einer so liebenswerten Abhängigkeit von ihm, dass es uns keinerlei Schwierigkeiten macht, ihn unseren Vater und uns seine Kinder zu nennen (1 Joh 3,1f.). Als solche sind wir fähig, mit der Wesenheit Gottes durch den beseligenden Besitz ihrer über alles erhabenen Güte und Seligkeit vereinigt zu werden. Als solche empfangen wir seine Gnade und wird unser Geist seinem überaus heiligen Geist beigesellt und erhalten wir sozusagen Anteil an der göttlichen Natur (2 Petr 1,4), wie der hl. Leo sagt (Sermo 12,1). So bringt also dieselbe heilige Liebe, aus der die Akte der Gottesliebe hervorgehen, in gleichem Maße Akte der Nächstenliebe hervor. Die Leiter, die der Patriarch Jakob sah, berührte gleichzeitig Himmel und Erde und diente den Engeln sowohl zum Herabsteigen wie zum Hinaufsteigen (Gen 28,12). So wissen wir auch, dass ein und dieselbe heilige Liebe die Gottesliebe wie die Nächstenliebe in sich schließt. Sie hebt unseren Geist hinauf zur Vereinigung mit Gott, um uns dann wieder zum liebreichen Verkehr mit dem Nächsten zurückzuführen, jedoch so, dass wir den Nächsten als Abbild und Gleichnis Gottes lieben, der dazu geschaffen ist, mit der göttlichen Güte in Verbindung zu stehen, um teilzuhaben an Gottes Gnade und um sich des Besitzes seiner Glorie zu erfreuen.

November 3, 2018

Samstag, 3 November 2018 : Kommentar Hl. Franz von Sales

Demütig sein heißt nicht nur, sich misstrauen, es heißt auch: auf Gott vertrauen. Aus diesem Misstrauen gegen uns und die eigene Kraft erblüht das Vertrauen auf Gott, aus diesem Vertrauen wiederum die Hochherzigkeit, von der wir reden. Die allerseligste Jungfrau gibt uns hierin ein sehr bedeutsames Beispiel: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“, so nennt sie sich selber. Das ist ein Akt allergrößter Demut. Er ist umso größer, als sie ihre Niedrigkeit den Lobsprüchen des Engels entgegenhält, der ihr verkündet, dass sie die Mutter Gottes wird und das Kind in ihrem Schoß „Sohn des Allerhöchsten“ genannt werden soll, ja allen Lobpreisungen und dieser unausdenkbar hohen Würde ihre Geringheit und Unwürdigkeit gegenüberstellt, da sie sich als die „Magd des Herrn“ bezeichnet. Nachdem sie aber so der Demut Genüge getan, schwingt sich ihre Seele allsogleich zu einem herrlichen Akt der Hochherzigkeit auf – beachtet das wohl – und sie spricht: „Mir geschehe nach deinem Wort!“ Sie wollte damit sagen: Schau ich auf das, was ich aus mir selber bin, so muss ich meine Untauglichkeit für eine solche Gnade bekennen; schaue ich aber auf das Gute in mir, das ich von Gott habe, und auf den hochheiligen Willen Gottes, der in deinen Worten ausgesprochen ist, so glaube ich, dass es sein kann und sein wird. So antwortet sie denn ohne das geringste Bedenken: „Mir geschehe nach deinem Wort.“

November 2, 2018

Freitag, 2 November 2018 : Kommentar Hl. Ambrosius

Was soll ich nun, mein geliebtester Bruder, dich beweinen, der du mir so entrissen wurdest […]? Der Verkehr mit dir ist mir nicht genommen, sondern nur geändert: vorher waren wir leiblich unzertrennlich; jetzt sind wir ungeteilt im Herzen, du bist immer bei mir, du wirst auch stets bei mir bleiben. […] Der Apostel ruft mich zur Besinnung und legt dem Jammer gleichsam Zügel an mit jenen Worten […]: „Wir wollen euch nicht in Ungewissheit lassen hinsichtlich der Entschlafenen, damit ihr nicht traurig seid wie diejenigen, welche keine Hoffnung haben“ (1 Thess 4,13). […] Nicht jedes Weinen ist ja Zeichen des Unglaubens oder der Schwäche. Ein anderes ist der Schmerz der Natur, ein anderes das Klagen des Misstrauens […] Hat ja auch nicht bloß der Schmerz, sondern ebenso die Freude Tränen! Die Hingabe an Gott weckt die Tränen, das Gebet lässt sie über das Lager ausströmen nach jenem bekannten Worte des Psalmisten (Ps 6,7). So erhoben auch die Hinterbliebenen ein großes Klagen, als die Patriarchen bestattet wurden. Also sind die Tränen Zeugen der Ergebenheit, nicht der Anreiz zum Schmerz. Also habe auch ich geweint, ich will es gestehen; aber auch der Herr hat geweint (Joh 11,35). Er beweinte einen Fremden: ich den Bruder. Er beweinte in dem Einen alle, ich werde in allen dich beweinen, mein Bruder! Der Herr weinte in unserer Natur (unserem Zustand), nicht in der ihm eigenen: denn die Gottheit hat keine Tränen. Er weinte, wie er auch traurig war; er weinte in der Natur, in der er auch gekreuzigt, gestorben und begraben ist […] In der Natur hat er geweint, in welcher er Sion seine Mutter nannte, geboren in Judäa, Fleisch geworden aus der Jungfrau.

November 1, 2018