Freitag, 5 Juli 2019 : Kommentar Johannes von Karpathos

Der Herr sagt zu dir, wie zu Matthäus: „Folge mir nach!“ (Mt 9,9). Wenn du deinen geliebten Meister von ganzem Herzen suchst; wenn dein Fuß auf deinem Lebensweg gegen den Stein der Leidenschaften stößt (vgl. Ps 90(91),12 LXX) oder wenn du auf sumpfigem Gelände – wie es häufig passiert – aus Versehen ausrutschst und stürzt; jedes Mal, wenn du hinfällst und dich verletzt: dann erhebe dich von ganzem Herzen und suche den Herrn, bis du ihn gefunden hast. So „erscheine ich vor dir in deinem Heiligtum, vor deinem Antlitz, um die Macht und Herrlichkeit zu sehen“, die mich rettet, und: „In deinem Namen, Herr, erhebe ich die Hände und gebe dir Antwort. Ich werde satt, wie von Fett und Mark, und meine Lippen freuen sich und singen dir“ (vgl. Ps 62(63),3.5–6 LXX). Denn es ist etwas Großes, Christ genannt zu werden, wie mir der Herr durch Jesaja sagt: „Für dich ist es etwas Großes, mein Kind genannt zu werden“ (vgl. Jes 49,6 LXX). […] Hüte dich mir aller Kraft vor dem Fallen. Denn zu fallen, ist eines Menschen, der stark ist und der kämpft, nicht würdig. Wenn es dir aber dennoch passiert, dann erhebe dich sofort und nimm den guten Kampf wieder auf. Und selbst wenn es dir zehntausendmal passieren sollte, dass du fällst, dann vollziehe diese Bewegung eben zehntausendmal: steh auf. Bis an dein Lebensende. Denn es steht geschrieben: „Siebenmal fällt der Gerechte – das heißt sein ganzes Leben lang – und er steht siebenmal wieder auf“ (vgl. Spr 24,16).

July 4, 2019

Donnerstag, 4 Juli 2019 : Kommentar Hl. Johannes Chrysostomus

Die Juden hatten gesagt, nur Gott könne Sünden nachlassen; er aber lässt nicht bloß die Sünden nach, sondern tut noch zuvor etwas, was nur Gott tun konnte, er liest die geheimen Gedanken ihres Herzens. […] Dass aber nur Gott allein die geheimen Gedanken erkennt, das kannst du von dem Propheten hören, der da sagt: „Du allein kennst die Herzen“ (vgl. 2 Chr 6,30), und an einer anderen Stelle: „Gott erforscht Herz und Nieren“ (Ps 7,10). Und Jeremias sagt: „Das Menschenherz ist tiefer als irgendetwas, und er ist ein Mensch, und wer wird ihn kennen?“ (Jer 17,9); endlich: „Der Mensch schaut ins Gesicht, Gott aber in das Herz“ (1 Kön 16,7). Auch auf andere vielfache Weise kann man sehen, dass Gott allein die Gedanken wissen kann. Nachdem also Christus gezeigt hatte, dass er Gott ist und seinem Vater gleichstehe, so enthüllt und offenbart er ihre verborgenen Gedanken. Sie fürchteten eben das Volk und wagten deshalb ihre Meinung nicht zu äußern. Doch auch hierbei verfuhr er sehr schonend […] Wenn jemand das Recht hatte unwillig zu werden, so war es der Kranke, der gewissermaßen enttäuscht worden war. Er konnte sagen: Für eines wollt ihr Genesung suchen, und Du heilst etwas anderes? Wie sollte ich wissen können, dass mir meine Sünden nachgelassen sind? In der Tat aber sagt der Gichtbrüchige nichts dergleichen, sondern überlässt sich ganz der Macht dessen, von dem er Heilung erwartet […] Als aber die Juden ihn herausforderten, da zeigte er seine Macht schon viel deutlicher und sprach: […] Was haltet ihr für leichter, einen gichtbrüchigen Leib zu heilen, oder die Sünden der Seele nachzulassen? Offenbar, dem Leibe seine Kraft wiederzugeben. Denn um wieviel höher die Seele über dem Leibe steht, um wieviel mehr ist es auch, Sünden nachzulassen. Da aber das eine sichtbar, der andere unsichtbar ist, so lasse ich auch das nachfolgen, was zwar in sich geringer, dafür aber deutlicher bemerkbar ist. Dieses soll zum Beweise dienen für das Größere und Unsichtbare, indem ich durch die Wunderwerke im Voraus die Verheißung des Johannes erfülle, der da sagte: „Er nimmt hinweg die Sünden der Welt“ (Joh 1,29).

July 3, 2019

Mittwoch, 3 Juli 2019 : Kommentar Benedikt XVI.

Sehr bekannt und geradezu sprichwörtlich ist sodann die Szene des ungläubigen Thomas, die sich acht Tage nach Ostern abspielte. Im ersten Moment hatte er nicht geglaubt, dass in seiner Abwesenheit Jesus erschienen war, und hatte gesagt: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in die Male der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ (Joh 20,25). Im Grunde geht aus diesen Worten die Überzeugung hervor, dass Jesus nun nicht mehr so sehr an seinem Antlitz als vielmehr an den Wundmalen zu erkennen sei. Thomas meint, dass die für die Identität Jesu ausschlaggebenden Zeichen jetzt vor allem die Wundmale seien, an denen offenbar wird, wie sehr er uns geliebt hat. Darin irrt der Apostel nicht. Wie wir wissen, erscheint Jesus acht Tage später wieder unter seinen Jüngern, und diesmal ist Thomas anwesend. Und Jesus fordert ihn auf: „Streck deinen Finger aus – hier sind meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig“ (Joh 20,27). Thomas reagiert mit dem schönsten Glaubensbekenntnis des ganzen Neuen Testaments: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28). Dazu merkt der hl. Augustinus an: Thomas „sah und berührte den Menschen, bekannte aber seinen Glauben an Gott, den er weder sah noch berührte. Was er aber sah und berührte, veranlasste ihn, an das zu glauben, woran er bis dahin gezweifelt hatte“ (In Ioann. 121,5). Der Evangelist fährt mit einem letzten Wort Jesu an Thomas fort: „Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht gesehen haben und doch glauben werden.“ Diesen Satz kann man auch ins Präsens setzen: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“ (Joh 20,29) […] Der Fall des Apostels Thomas ist für uns aus mindestens drei Gründen wichtig: erstens, weil er uns in unseren Ungewissheiten tröstet; zweitens, weil er uns zeigt, dass jeder Zweifel über alle Ungewissheiten hinaus zum Licht führen kann; und schließlich, weil die an Thomas gerichteten Worte Jesu uns den wahren Sinn des reifen Glaubens in Erinnerung rufen und uns ermutigen, ungeachtet der Schwierigkeiten auf unserem Weg der Treue zu Jesus weiterzugehen.

July 2, 2019

Dienstag, 2 Juli 2019 : Kommentar II. Vatikanisches Konzil

Die selige Jungfrau ist aber durch das Geschenk und die Aufgabe der göttlichen Mutterschaft, durch die sie mit ihrem Sohn und Erlöser vereint ist, und durch ihre einzigartigen Gnaden und Gaben auch mit der Kirche auf das innigste verbunden. Die Gottesmutter ist […] der Typus der Kirche unter der Rücksicht des Glaubens, der Liebe und der vollkommenen Einheit mit Christus (189). Im Geheimnis der Kirche, die ja auch selbst mit Recht Mutter und Jungfrau genannt wird, ist die selige Jungfrau Maria vorangegangen, da sie in hervorragender und einzigartiger Weise das Urbild sowohl der Jungfrau wie der Mutter darstellt (190). Im Glauben und Gehorsam gebar sie den Sohn des Vaters auf Erden, und zwar ohne einen Mann zu erkennen, vom Heiligen Geist überschattet, als neue Eva, die nicht der alten Schlange, sondern dem Boten Gottes einen von keinem Zweifel verfälschten Glauben schenkte. Sie gebar aber einen Sohn, den Gott gesetzt hat zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern (Röm 8,29), den Gläubigen nämlich, bei deren Geburt und Erziehung sie in mütterlicher Liebe mitwirkt. Während aber die Kirche in der seligsten Jungfrau schon zur Vollkommenheit gelangt ist, in der sie ohne Makel und Runzel ist (vgl. Eph 5,27), bemühen sich die Christgläubigen noch, die Sünde zu besiegen und in der Heiligkeit zu wachsen. Daher richten sie ihre Augen auf Maria, die der ganzen Gemeinschaft der Auserwählten als Urbild der Tugenden voranleuchtet. Indem die Kirche über Maria in frommer Erwägung nachdenkt und sie im Licht des menschgewordenen Wortes betrachtet, dringt sie verehrend in das erhabene Geheimnis der Menschwerdung tiefer ein und wird ihrem Bräutigam mehr und mehr gleichgestaltet. Denn Maria vereinigt, da sie zuinnerst in die Heilsgeschichte eingegangen ist, gewissermaßen die größten Glaubensgeheimnisse in sich und strahlt sie wider. Daher ruft ihre Verkündigung und Verehrung die Gläubigen hin zu ihrem Sohn und seinem Opfer und zur Liebe des Vaters. Die Kirche aber wird, um die Ehre Christi bemüht, ihrem erhabenen Typus ähnlicher durch dauerndes Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe und durch das Suchen und Befolgen des Willens Gottes in allem.

July 1, 2019

Montag, 1 Juli 2019 : Kommentar Hl. Klara von Assisi

Deshalb, liebste Schwester, ja mehr noch: hoch zu ehrende Herrin – denn Ihr seid ja Braut, Mutter und Schwester meines Herrn Jesus Christus –, die Ihr strahlend ausgezeichnet seid mit dem Banner unverletzlicher Jungfräulichkeit und heiligster Armut: werdet stark im heiligen Dienst, den Ihr in glühender Sehnsucht zum armen Gekreuzigten begonnen habt! Er hat ja für uns alle das Leiden des Kreuzes auf sich genommen und uns dadurch der Macht des Fürsten der Finsternis entrissen, in der wir wegen der Übertretung des Stammvaters in Banden gefesselt gehalten wurden. Und so hat er uns mit Gott, dem Vater, versöhnt. O selige Armut! Denen, die sie lieben und umfangen, gewährt sie ewige Reichtümer! O heilige Armut! Wer sie besitzt und sich nach ihr verzehrt, dem wird von Gott das Himmelreich verheißen und ohne Zweifel wartet seiner ewiger Ruhm und seliges Leben. O milde Armut! Sie hat der Herr Jesus Christus, der Himmel und Erde regierte und regiert, der auch sprach und es ward, vor allem anderen erwählt und an sich gezogen. Die Füchse nämlich, so spricht er, haben ihre Höhlen und die Vögel des Himmels ihre Nester, der Menschensohn aber, das heißt Christus, hat keinen Ort, sein Haupt zurückzulehnen, vielmehr neigte er sein Haupt und gab den Geist auf.

June 30, 2019

Sonntag, 30 Juni 2019 : Kommentar Hl. Theresia Benedicta a Cruce [Edith Stein]

Der Heiland ist uns vorausgegangen auf dem Weg der Armut. Ihm gehörten alle Güter des Himmels und der Erde. Sie waren für ihn keine Gefahr, er konnte sie gebrauchen und doch sein Herz vollkommen frei davon bewahren. Aber er wusste, dass es den Menschen kaum möglich ist, Güter zu besitzen, ohne ihnen zu verfallen und durch sie versklavt zu werden. Darum gab er alles preis und zeigte mehr noch durch sein Beispiel als durch seinen Rat, dass nur der alles besitzt, der nichts besitzt. Seine Geburt im Stall, seine Flucht nach Ägypten zeigten schon an, dass der Menschensohn keinen Platz haben sollte, wo er sein Haupt hinlegen konnte. Wer ihm nachfolgt, der muss wissen, dass wir hier keine dauernde Statt haben. Je lebendiger wir das fühlen, umso eifriger werden wir nach der zukünftigen hinstreben und jubeln in dem Gedanken, dass wir unser Bürgerrecht im Himmel haben.

June 29, 2019

Samstag, 29 Juni 2019 : Kommentar Isaak von Stella

„Jene aber sind die ehrwürdigen Männer, deren Hoffnung nicht vergeht. Bei ihren Nachkommen bleibt ihr Gut, ihr Erbe bei ihren Enkeln“ (Sir 44,10–11). Wir feiern, geliebte Brüder, den Tag der Geburt der Apostel Petrus und Paulus; und es ist ganz angemessen […] dass ein solcher Tod als Geburt bezeichnet wird, da er Leben hervorbringt […] Das ist der Werdegang der Heiligen: durch diesen Tod, der das Leben hervorbringt, verlassen sie dieses Leben, das zum Tod führt, um zu dem lebendig machenden Leben zu gelangen, das in der Hand desjenigen ist, der „das Leben in sich hat“, des Vaters, wie Christus es ausdrückt (Joh 5,26). […] Es gibt drei Arten von Menschen, die barmherzig sind. Die ersten geben von ihrem Besitz […], um durch ihren Überfluss den Mangel von anderen auszugleichen […] Die zweiten verteilen ihren gesamten Besitz, und haben von da an […] alles mit anderen gemeinsam […] Was die dritten angeht, so geben sie nicht nur alles her, sondern „reiben sich selber ganz auf“ (vgl. 2 Kor 12,15) und nehmen die Gefahren von Gefängnis, Exil und Tod auf sich, um die anderen aus der Gefahr zu befreien, in der sich ihre Seelen befinden. Sie gehen mit sich selbst verschwenderisch um, weil ihnen nur die anderen am Herzen liegen. Sie werden den Lohn für ihre Liebe erhalten, „es gibt keine größere Liebe, als sein Leben hinzugeben für seine Freunde“ (vgl. Joh 15,13) […] Das sind die ruhmreichen Fürsten der Erde und Diener des Himmels, deren siegreichen Tod wir heute – nach lang währenden Entbehrungen durch „Hunger und Durst, Kälte und Blöße“, nach schweren Mühsalen und Gefahren, verursacht „durch das eigene Volk, Heiden und falsche Brüder“ (2 Kor 11,26–27) – feiern. Auf solche Männer trifft dieser Satz zu: „Ihre Wohltaten geraten nicht in Vergessenheit“, weil sie die Barmherzigkeit nicht vergessen haben […] Ja, den Barmherzigen „fällt auf schönem Land ihr Anteil zu, ihr Erbe gefällt ihnen gut“ (vgl. Ps 16(15),6).

June 28, 2019

Freitag, 28 Juni 2019 : Kommentar Hl. Johannes XXIII.

Ich spüre, dass mein Jesus mir immer näherkommt. Er hat in diesen Tagen erlaubt, dass ich ins Meer falle und dass ich beim Betrachten meines Elends und meines Stolzes ertrinke, damit ich verstehe, wie sehr ich ihn brauche. In dem Augenblick, in dem ich unterzugehen drohe, kommt mir Jesus, über das Wasser schreitend, lächelnd entgegen, um mich zu retten. Ich möchte ihm mit Petrus sagen: „Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder“ (Lk 5,8), doch die Zärtlichkeit seines Herzens und die Sanftheit seiner Worte kommen mir zuvor: „Fürchte dich nicht!“ (Lk 5,10). Oh, an deiner Seite fürchte ich nichts mehr! Ich lehne mich ganz an dich; wie das verlorene Schaf, so höre ich die Schläge deines Herzens. Jesus, ich bin wieder dein, dein für immer. Mit dir bin ich wirklich groß; ohne dich bin ich nur ein schwaches Schilfrohr, aber wenn ich mich an dich anlehne, bin ich eine Säule. Ich will niemals mein Elend vergessen, nicht etwa, um ständig zu zittern, sondern damit ich mich trotz meiner Niedrigkeit und Verwirrung mit immer größerem Vertrauen deinem Herzen nähere, denn mein Elend ist der Thron deiner Barmherzigkeit und deiner Liebe.

June 27, 2019

Donnerstag, 27 Juni 2019 : Kommentar Das Leben des hl. Franziskus von Assisi

Vom Beginn seiner Bekehrung an baute der selige Franziskus mit Hilfe des Herrn wie ein Weiser sich selbst und sein Haus, nämlich den Orden, auf festen Fels, nämlich auf die größte Demut und Armut des Gottessohnes, und nannte ihn „Orden der Minderbrüder“. Auf größte Demut: Daher wollte er am Anfang des Ordens, als die Zahl der Brüder langsam zunahm, dass die Brüder in den Spitälern der Aussätzigen weilten, um ihnen zu dienen. Daher wurde zu jener Zeit, als Vornehme und Niedrige in den Orden kamen, diesen unter anderem angekündigt, dass sie den Aussätzigen dienen und in ihren Häusern weilen müssten. Auf größte Armut, wie es in der Regel heißt: dass die Brüder wie Fremde und Pilger in den Häusern weilen sollen, in denen sie sich länger aufhalten, und nichts unter dem Himmel zu haben verlangen als die heilige Armut, durch welche sie vom Herrn in dieser Welt mit Speise für Leib und Seele genährt werden und in der zukünftigen das himmlische Erbe antreten mögen. Sich selbst gründete er auf größte Armut und Demut, da er, obwohl er in der Kirche Gottes ein hoher Vorgesetzter war, bewusst wählte, ein Verworfener zu sein – nicht nur in der Kirche Gottes, sondern auch unter seinen Brüdern.

June 26, 2019

Mittwoch, 26 Juni 2019 : Kommentar Papst Franziskus

In einer Zivilisation, die an der Anonymität leidet und paradoxerweise zugleich, schamlos krank an einer ungesunden Neugier, darauf versessen ist, Details aus dem Leben der anderen zu erfahren, braucht die Kirche den Blick der Nähe, um den anderen anzuschauen, gerührt zu werden und vor ihm Halt zu machen, so oft es nötig ist. In dieser Welt können die geweihten Diener und die übrigen in der Seelsorge Tätigen den Wohlgeruch der Nähe und Gegenwart Jesu und seines persönlichen Blicks wahrnehmbar machen. Die Kirche wird ihre Glieder – Priester, Ordensleute und Laien – in diese „Kunst der Begleitung” einführen müssen, damit alle stets lernen, vor dem heiligen Boden des anderen sich die Sandalen von den Füßen zu streifen (vgl. Ex 3,5). Wir müssen unserem Wandel den heilsamen Rhythmus der Zuwendung geben, mit einem achtungsvollen Blick voll des Mitleids, der aber zugleich heilt, befreit und zum Reifen im christlichen Leben ermuntert. […] Mehr denn je brauchen wir Männer und Frauen, die aus ihrer Erfahrung als Begleiter die Vorgehensweise kennen, die sich durch Klugheit auszeichnet sowie durch die Fähigkeit zum Verstehen, durch die Kunst des Wartens sowie durch die Fügsamkeit dem Geist gegenüber, damit wir alle zusammen die Schafe, die sich uns anvertrauen, vor den Wölfen, die die Herde zu zerstreuen trachten, beschützen. Wir müssen uns in der Kunst des Zuhörens üben, die mehr ist als Hören. In der Verständigung mit dem anderen steht an erster Stelle die Fähigkeit des Herzens, welche die Nähe möglich macht, ohne die es keine wahre geistliche Begegnung geben kann. Zuhören hilft uns, die passende Geste und das passende Wort zu finden, die uns aus der bequemen Position des Zuschauers herausholen. Nur auf der Grundlage dieses achtungsvollen, mitfühlenden Zuhörens ist es möglich, die Wege für ein echtes Wachstum zu finden, das Verlangen nach dem christlichen Ideal und die Sehnsucht zu wecken, voll auf die Liebe Gottes zu antworten und das Beste, das Gott im eigenen Leben ausgesät hat, zu entfalten.

June 25, 2019