Dienstag, 25 August 2020 : Kommentar Sel. Columba Marmion

Wir müssen uns doch vor einer gewissen irrigen Auffassung der Vollkommenheit hüten, der man zuweilen bei wenig erleuchteten Seelen begegnet. Diese setzen die ganze Vollkommenheit in die rein äußerliche, materielle Beobachtung der Vorschriften. Wohl klingt es hart, muss aber dennoch gesagt werden: Solche Auffassung grenzt an Pharisäismus oder kann dahinführen, und darin liegt die große Gefahr. […] In den Augen der Menge galten die Pharisäer als Heilige. Auch sie selbst hielten sich für heilig; denn sie suchten die Vollkommenheit lediglich in der genauen Beobachtung rein äußerlicher Vorschriften. Manche Beispiele ihrer Buchstabentreue und kleinlichen Genauigkeit wirken geradezu lächerlich. Nicht zufrieden mit der ängstlichen Beobachtung des mosaischen Gesetzes, das allein schon eine schwere Last darstellte, fügten sie noch eine ganze Reihe von Vorschriften nach eigenem Gutdünken bei, die der Heiland „Menschensatzungen“ (Mk 7,8) nannte. Äußerlich beobachteten sie alles untadelhaft, so dass es unmöglich gewesen wäre, mustergültigere Jünger Moses zu finden. […] Sollen wir denn nicht alles beobachten, was vorgeschrieben ist? Gewiss sollen wir das tun […] Nur müssen wir wohl beachten, dass das Wichtige in der Beobachtung äußerer Vorschriften der innere Beweggrund ist, der uns leitet. Die Pharisäer beobachteten alles ganz genau, jedoch nur, um von den Menschen gesehen und gelobt zu werden, und diese sittliche Verirrung verdarb von Grund aus alle ihre Werke. – Die rein äußerliche, mit mathematischer Genauigkeit, aber nur um ihrer selbst willen und ohne veredelnden Beweggrund geübte Regeltreue ist zum allerwenigsten keine Vollkommenheit. Inneres Leben muss unsere äußere Treue beseelen. Diese sei das Ergebnis, die Frucht und die Äußerung der Gesinnungen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, die in unserem Herzen herrschen.

August 24, 2020

Montag, 24 August 2020 : Kommentar Benedikt XVI.

[Johannes, der] Evangelist berichtet, dass Jesus, als er Natanaël näherkommen sieht, ausruft: „Da kommt ein echter Israelit, ein Mann ohne Falschheit“ (Joh 1,47). Es handelt sich um ein Lob, das einen Psalm in Erinnerung ruft: „Wohl dem Menschen, … dessen Herz keine Falschheit kennt“ (Ps 32,2). Aber es weckt die Neugier Natanaëls, der erstaunt erwidert: „Woher kennst du mich?“ (Joh 1,48a). Die Antwort Jesu ist nicht sofort verständlich. Er sagt: „Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen“ (Joh 1,48b). Wir wissen nicht, was unter diesem Feigenbaum geschehen war. Offensichtlich handelt es sich um einen entscheidenden Augenblick im Leben Natanaëls. Er fühlt sich von diesen Worten Jesu zutiefst berührt, er fühlt sich verstanden und begreift: Dieser Mann weiß alles über mich, er weiß und kennt den Weg des Lebens, diesem Mann kann ich mich wirklich anvertrauen. Und so antwortet er mit einem klaren und schönen Glaubensbekenntnis, wenn er sagt: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel!“ (Joh 1,49). In diesem Bekenntnis ist ein erster, wichtiger Schritt auf dem Weg der Treue zu Jesus gegeben. Die Worte Natanaëls werfen Licht auf einen doppelten, komplementären Aspekt der Identität Jesu: Er wird sowohl in seiner besonderen Beziehung zu Gott Vater erkannt, dessen eingeborener Sohn er ist, als auch in seiner Beziehung zum Volk Israel, zu dessen König er erklärt wird; dieser Titel ist dem erwarteten Messias zu eigen. Wir dürfen niemals weder das eine noch das andere dieser beiden Elemente aus den Augen verlieren, denn falls wir nur die himmlische Dimension Jesu verkünden, laufen wir Gefahr, aus ihm ein ätherisches und substanzloses Wesen zu machen; und wenn wir umgekehrt nur seinen konkreten Ort in der Geschichte anerkennen, vernachlässigen wir letztendlich die göttliche Dimension, die ihn eigentlich kennzeichnet.

August 23, 2020

Sonntag, 23 August 2020 : Kommentar Pius X.

Wir [fühlen] Uns sicher in der Burg der Heiligen Kirche. […] Die Verheißungen Christi [haben zu keiner Zeit] die Erwartungen getäuscht; […] bestätigt durch die Erfahrungen vieler Jahrhunderte, erprobt in den Umwälzungen einer langen Vergangenheit müssen sie Uns umso mehr bestärken. Königreiche und Kaisertümer sind dahingesunken. Einst hochberühmte und mit allen Segnungen menschlicher Kultur ausgezeichnete Völker sind dem Untergang verfallen. Nicht selten haben die Völker gleichsam vom Alter gebeugt sich verloren. Die Kirche hingegen ist unvergänglich; unlösbar ist das Band, welches sie mit ihrem himmlischen Bräutigam verbindet. Nicht wie eine hinfällige Jugendblüte ist ihre Kraft. Fortwährend ist sie von derselben Lebensfrische beseelt, mit der sie aus Jesu durchstochenem Herzen nach seinem Tode am Kreuze hervorging. Die Mächtigen der Erde haben sich gegen sie erhoben. Sie verschwanden, aber jene blieb. Ruhmredige Philosophen haben in fast unübersehbarer Mannigfaltigkeit Theorien ersonnen und die Lehre der Kirche gewähnt entkräftet, die Hauptstücke des Glaubens widerlegt und alle Dogmen als unhaltbar erwiesen zu haben. Die Geschichte aber zählt heute diese Philosophen alle zu den vergessenen und gänzlich abgetanen Erscheinungen, während das Licht der Wahrheit vom Felsen Petri noch immer im gleichen Glanze strahlt, den Jesus ihm gegeben und vor dem Erbleichen durch sein göttliches Wort schützt: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen (Mt 24,35). […] Lenket daher, […] Denken und Forschen nach wie vor auf den festen Felsen, auf welchen, ihr wisst es, unser Erlöser die Kirche für die ganze Welt begründet hat; so wird aufrichtiger Sinn nicht durch Irrwege vom rechten Pfad abgelenkt werden.

August 22, 2020

Samstag, 22 August 2020 : Kommentar Isaak der Syrer 

Die Demut ist eine geheime Kraft, die die Heiligen empfangen, wenn sie die ganze mühevolle Übung ihres Lebens gut durchlaufen haben. Diese Kraft wird nämlich nur denen gegeben, die die Tugend durch die Kraft der Gnade zur Vollendung bringen. […] Es ist die gleiche Kraft, die die seligen Apostel in Gestalt des Feuers empfangen haben. Der Erlöser hatte ihnen befohlen, Jerusalem nicht zu verlassen bis sie die Kraft aus der Höhe empfangen hätten (vgl. Apg 2,3; 1,4). Jerusalem steht hier für die Tugend. Die Kraft ist die Demut. Und die Kraft aus der Höhe ist der Paraklet, das heißt der Tröster Geist. Das ist es, was die Heilige Schrift sagt: Die Geheimnisse werden den Demütigen geoffenbart (vgl. Lk 10,21). Den Demütigen ist es gegeben, in ihrem Innern diesen Geist der Offenbarung zu empfangen, der die Geheimnisse enthüllt. Deshalb haben einige Heilige davon gesprochen, dass die Demut die Seele vervollkommnet in göttlicher Kontemplation. Niemand soll sich also einbilden, er habe das Maß der Demut erreicht, weil ihm irgendwann ein zerknirschter Gedanke gekommen sei oder weil er ein paar Tränen vergossen habe. […] Doch wenn ein Mensch alle bösen Geister besiegt hat […], wenn er alle Festungen der Feinde überwunden und erobert hat, und wenn er dann spürt, dass er diese Gnade empfangen hat, was „der Geist selber seinem Geist bezeugt“ (vgl. Röm 8,16) nach den Worten des Apostels Paulus, dann ist das die Vollendung der Demut. Selig ist, wer sie besitzt. Denn dann ruht er beständig an der Brust Jesu (vgl. Joh 13,25).

August 21, 2020

Freitag, 21 August 2020 : Kommentar Benedikt XVI.

Hier zeigt sich die notwendige Wechselwirkung zwischen Gottes- und Nächstenliebe […] Wenn die Berührung mit Gott in meinem Leben ganz fehlt, dann kann ich im anderen immer nur den anderen sehen und kann das göttliche Bild in ihm nicht erkennen. Wenn ich aber die Zuwendung zum Nächsten aus meinem Leben ganz weglasse und nur „fromm“ sein möchte, nur meine „religiösen Pflichten“ tun, dann verdorrt auch die Gottesbeziehung. Dann ist sie nur noch „korrekt“, aber ohne Liebe. Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber. Nur der Dienst am Nächsten öffnet mir die Augen dafür, was Gott für mich tut und wie er mich liebt. Die Heiligen – denken wir zum Beispiel an die sel. Theresa von Kalkutta – haben ihre Liebesfähigkeit dem Nächsten gegenüber immer neu aus ihrer Begegnung mit dem eucharistischen Herrn geschöpft, und umgekehrt hat diese Begegnung ihren Realismus und ihre Tiefe eben von ihrem Dienst an den Nächsten her gewonnen. Gottes- und Nächstenliebe sind untrennbar: Es ist nur ein Gebot. Beides aber lebt von der uns zuvorkommenden Liebe Gottes, der uns zuerst geliebt hat. So ist es nicht mehr „Gebot“ von außen her, das uns Unmögliches vorschreibt, sondern geschenkte Erfahrung der Liebe von innen her, die ihrem Wesen nach sich weiter mitteilen muss. Liebe wächst durch Liebe. Sie ist „göttlich“, weil sie von Gott kommt und uns mit Gott eint, uns in diesem Einungsprozess zu einem Wir macht, das unsere Trennungen überwindet und uns eins werden lässt, so dass am Ende „Gott alles in allem“ ist (vgl. 1 Kor 15, 28).

August 20, 2020

Donnerstag, 20 August 2020 : Kommentar Hl. Antonius von Padua

Es gibt drei Arten von Hochzeiten: die der Vereinigung, die der Rechtfertigung und die der Verherrlichung. Die erste wurde im Tempel der Jungfrau Maria gefeiert; die zweite wird täglich im Tempel der gläubigen Seele gefeiert; die dritte wird im Tempel der himmlischen Herrlichkeit gefeiert werden. Das Wesen der Hochzeit besteht in der Vereinigung zweier Personen: Bräutigam und Braut. Wenn zwei Familien miteinander zerstritten sind, werden sie gewöhnlich durch die Hochzeit wieder versöhnt, wenn ein Angehöriger der einen Familie sich eine Frau aus der anderen Familie nimmt. Zwischen uns und Gott herrschte große Zwietracht; um sie zu beheben und Frieden zu stiften, war es notwendig, dass der Sohn Gottes seine Braut aus unserem Geschlecht nahm. Um diese Hochzeit zu schließen, traten viele Vermittler und Friedenstifter auf, die durch beharrliches Beten die Hochzeit unter großen Mühen zustande brachten. Schließlich gab der Vater selbst seine Zustimmung und sandte seinen Sohn, der sich im Brautgemach der Jungfrau Maria mit unserer Natur vereinigte. Und so richtete der Vater „ein Hochzeitsfest für seinen Sohn aus“. Ebenso wird die Hochzeit der zweiten Art gefeiert, wenn die Gnade des Heiligen Geistes sich herabsenkt und die Seele sich bekehrt. Der Gemahl der Seele ist die Gnade des Heiligen Geistes. Wenn er die Seele durch seine innere Eingebung zur Buße ruft, verhallt jeder Ruf der Laster wirkungslos. Die Hochzeit der dritten Art schließlich wird am Tag des Gerichts gefeiert, bei der Ankunft Jesu Christi, des Bräutigams, von dem geschrieben steht: „Der Bräutigam kommt! Geht ihm entgegen!“ (Mt 25,6). Er wird wirklich die Kirche zur Braut nehmen, wie Johannes in der Offenbarung schreibt: „Komm, ich will dir die Braut zeigen, die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes“ (vgl. Offb 21,9–11). Die Kirche der Gläubigen kommt vom Himmel, von Gott herab, denn sie erlangte von Gott, dass ihre Wohnung im Himmel sei. So lebt sie jetzt im Glauben und in der Hoffnung, aber nur noch kurze Zeit, dann wird sie ihre Hochzeit mit ihrem Gemahl feiern. „Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist“, heißt es in der Offenbarung (Offb 19,9).

August 19, 2020

Mittwoch, 19 August 2020 : Kommentar Hl. Cyrill von Jerusalem

Einer der mit Jesus gekreuzigten Verbrecher spricht: „Gedenke meiner, o Herr!“ (Lk 23,42). Das heißt: An dich richte ich mein Wort […] Nicht sage ich: Gedenke meiner Werke; denn diese ängstigen mich. Jeder Mensch hat Sympathie für seinen Reisegefährten, ich bin dein Reisegefährte auf dem Weg zum Tod. Gedenke meiner, deines Reisegefährten! Nicht jedoch sage ich: jetzt schon gedenke meiner, sondern „wenn du in dein Reich kommst“ (Lk 23,42). Welche Macht hat dich, Räuber, erleuchtet? Wer hat dich gelehrt, den anzubeten, der geschmäht und mit dir gekreuzigt wurde? O ewiges Licht, das die erleuchtet, welche in der Finsternis sind! Mit Recht bekam der Räuber das Wort zu hören: „Sei getrost!“ (vgl. Lk 23,43; fast in allen Handschriften fehlen diese Worte). […] ‚„Wahrlich sage ich dir: heute wirst du bei mir im Paradiese sein‘ (Lk 23,43); denn heute hast du meine Stimme gehört und hast du dein Herz nicht verhärtet (vgl. Ps 94(95),8). Gar schnell habe ich über Adam das Urteil gefällt […] Du bist heute dem Glauben gefolgt, und heute schon wird dir das Heil. Adam ist wegen des Holzes gefallen; du wirst vom Holz weg in das Paradies eingeführt. […]“ O große, unaussprechliche Gnade! Noch nicht war der gläubige Abraham in das Paradies eingegangen, und der Räuber tritt ein. Noch nicht waren Moses und die Propheten eingegangen, und der sündhafte Räuber tritt ein. Vor dir hat sich schon Paulus darüber gewundert; denn er sagte: „Wo die Sünde voll war, war die Gnade übervoll“ (vgl. Röm 5,20). Die, welche „die Hitze ertragen hatten“ (Mt 20,12), waren noch nicht eingegangen, und der, welcher erst in der elften Stunde kam, ist eingetreten. Niemand darf gegen den Hausvater murren; denn er sagt: „Freund, ich tue dir nicht Unrecht. Habe ich nicht die Macht, auf meinem Gebiete zu tun, was ich will?“ (Mt 20,13.15). Der Räuber ist entschlossen, Gutes zu tun; doch der Tod kommt ihm zuvor. […] ich nehme schon den Glauben an. […] Das Schaf, das ich verloren habe, habe ich gefunden und nehme ich auf meine Schulter. Er glaubt ja; denn er sprach: „Ich ging in die Irre wie ein verlorenes Schaf (Ps 118(119),176). Gedenke meiner, o Herr, wenn du in dein Reich, kommst!“

August 18, 2020

Dienstag, 18 August 2020 : Kommentar Hl. Antonius von Padua

„Wir haben alles verlassen“ (Mt 19,27). – Was meint er mit „alles“? Die äußeren und die inneren Dinge; das, was wir besaßen und sogar den Willen, etwas zu besitzen; so ist uns absolut nichts geblieben. […] Deinetwegen haben wir alles verlassen und sind arm geworden. Doch weil du reich bist, sind wir dir nachgefolgt, damit du auch uns reich machst. Wir sind dir nachgefolgt, ja dir! Wir Geschöpfe folgten dir, dem Schöpfer; wir Söhne folgten dem Vater, Kinder der Mutter, Hungrige dem Brot, Durstige der Quelle, Kranke dem Arzt, Müden der Kraft, Verbannte dem Paradies. „Wir sind dir nachgefolgt“ (vgl. Mt 19,27). […] „Was werden wir dafür bekommen?“ (Mt 19,27). Ihr Apostel, die ihr euren Schatz gefunden habt, ihr, die ihr ihn schon besitzt – was sucht ihr noch? […] Bewahrt, was ihr gefunden habt, denn er ist alles, was ihr sucht. In Ihm, sagt Baruch, ist die Weisheit, die Einsicht, die Kraft, die Klugheit, die Lebensdauer und Nahrung, Licht für die Augen und Friede (vgl. Bar 3,12–14). Dort ist die Weisheit, die alles erschafft; die Einsicht, die die geschaffenen Dinge regiert; die Kraft, die den Teufel bezwingt; die Klugheit, die alles durchdringt; Lebensdauer, die den Erlösten Ewigkeit schenkt; Nahrung, die sättigt; Licht, das erleuchtet; Friede, der tröstet und beruhigt. […] Der Herr antwortet nicht: „Ihr, die ihr alles verlassen habt“, sondern: „Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid“ (Mt 19,28). Er nennt also das, was charakteristisch für die Apostel und all jene ist, die nach Vollkommenheit streben. Viele sind es, die alles verlassen, ohne jedoch Christus nachzufolgen, weil sie sozusagen sich selbst festhalten. Wenn du das Ziel verfolgen und erreichen willst, musst du dich selbst verlassen. Wer jemandem auf einem Weg folgt, schaut nicht auf sich selbst, sondern auf den, den er als Führer für seine Reise gewählt hat.

August 17, 2020

Montag, 17 August 2020 : Kommentar Hl. Franz von Sales

Ihr müsst wissen, dass der feste Wille, den Willen Gottes ausnahmslos in allen Dingen zu tun, im Gebet des Herrn, im Vater unser ausgesprochen ist, in den Worten, die wir täglich beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“ (Mt 6,10). Der göttliche Wille stößt im Himmel auf keinerlei Widerstand, alles ist ihm untertan, alles gehorcht ihm. Wir beten nun, dass es auch mit uns so werde, und wir versprechen dem Herrn, so handeln zu wollen, seinem Willen keinen Widerstand zu leisten und ihm in allem ganz gefügig sein zu wollen. […] Unter dem Willen Gottes verstehen wir seinen ausgesprochenen Willen und den Willen seines Wohlgefallens. Der Wille Gottes tut sich uns in vierfacher Weise kund: 1) in den Geboten Gottes, 2) in den Geboten der Kirche, 3) in den Räten, 4) in den Einsprechungen. Unter die Gebote Gottes und der Kirche muss jeder Christ seinen Nacken beugen; jeder muss sich ihnen gehorsam fügen. In diesen Geboten spricht sich der Wille Gottes ohne Einschränkung aus und fordert, dass wir gehorchen, wenn wir gerettet werden wollen. Die Beobachtung der Räte empfiehlt er uns nur; er fordert sie nicht bedingungslos von uns, legt uns aber seinen Willen in Form eines Wunsches nahe. Wir verscherzen uns also seine Liebe nicht, trennen uns auch nicht von ihm, wenn wir nicht den Mut aufbringen, die Räte zu erfüllen. Wir dürfen auch gar nicht einmal alle Räte befolgen wollen, sondern nur jene, die unserem Stand entsprechen; denn manche sind einander so entgegengesetzt, dass es ganz unmöglich ist, den einen zu befolgen, ohne sich zugleich der Möglichkeit zu berauben, den anderen zu erfüllen. Es ist z. B. ein evangelischer Rat, alles zu verlassen und ganz arm dem Herrn nachzufolgen; es ist auch ein evangelischer Rat, den Bedürftigen zu borgen und Almosen zu geben. Wie aber könnte, wer all seinen Besitz auf einmal hergeschenkt hat, noch etwas ausleihen und Almosen geben, wo er doch nichts mehr hat? Wir sollen also die Räte befolgen, die Gott von uns geübt haben will, und nicht meinen, wir müssten alle befolgen, die er gegeben. […] Außer diesem ausgesprochenen Willen Gottes gibt es noch den Willen seines Wohlgefallens. Auf diesen müssen wir schauen in allen Vorkommnissen, also bei allem, was uns begegnet: In Krankheit und Tod, in Trübsal und Freude, in guten wie in schlimmen Tagen, kurz in allem, was unvorhergesehen an uns herankommt. Und wir müssen allzeit bereit sein, uns diesem Willen Gottes zu fügen, in angenehmen wie in unangenehmen Lagen, in Freud wie in Leid, im Leben wie im Sterben, in allem, was nicht offensichtlich gegen den ausgesprochenen Willen Gottes ist; denn dieser geht immer vor.

August 16, 2020

Sonntag, 16 August 2020 : Kommentar Isaak von Stella

„Ich bin“, sagt der Herr, „nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Kurz gesagt […]: Er wurde zu dem gesandt, dem er verheißen war. „Abraham“, heißt es, „und seinen Nachkommen wurden die Verheißungen zugesprochen“ (vgl. Gal 3,16). Die in der Zeit gegebene Verheißung wird zu ihrer Zeit erfüllt, und zwar für die Juden von den Juden, wie geschrieben steht: „Das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22). Zu ihnen wurde Christus, der dem Fleisch nach von ihnen abstammt, am Ende der Zeiten geschickt; ihnen war er am Anfang der Zeiten verheißen worden, er, der vor allen Zeiten dazu vorherbestimmt war. Vorherbestimmt für Juden und Heiden, doch ausschließlich jüdischer Abstammung, ohne leiblichen [Vater als] Vermittler, wurde er bei seiner Geburt im Fleische denen vorgestellt, denen er verheißen worden war. […] Aber das Wort „Israel“ bedeutet „einer, der Gott sieht“: Das bezieht sich also ganz zu recht auf jedes vernunftbegabte Wesen. Daher versteht man, dass der Begriff „Haus Israel“ auch die Engel einschließt, jene zur Schau Gottes vorherbestimmte Geistwesen. […] Während die neunundneunzig Schafe […], auf dem Berg der Schau ihres Hirten, d. h. des Wortes Gottes, und der Freude, die von ihm ausgeht, ins Weite hinausgehen und furchtlos auf den fetten, immergrünen Auen lagern (vgl. Ps 23(22),2), stieg der Gute Hirte vom Vater herab, als „die Zeit der Gnade“ gekommen war (vgl. Ps 102(101),14). Aus Barmherzigkeit wurde er in die Zeit geschickt, er, der […] von Ewigkeit verheißen war; er kam, um das eine Schaf zu suchen, das sich verirrt hatte (vgl. Lk 15,4–5). […] Der Gute Hirt wurde also gesandt, um aufzurichten, was zerbrochen war, um zu kräftigen, was schwach war (vgl. Ez 34,16). Das, was zerbrochen und schwach war, war der freie Wille des Menschen. Damals, als er sich über sich selbst erheben wollte, ist er gefallen; da er nicht die Kraft hatte, sich aufrecht zu halten, stürzte er und zerbrach […], völlig unfähig, sich wieder aufzurichten. Von Christus selbst schließlich getröstet und gestärkt […], aber noch nicht ganz bei Kräften, solange er nicht zusammen mit den Neunundneunzig auf fette Weiden gebracht ist, wird er auf den Armen des Hirten getragen: „Die Lämmer trägt er auf dem Arm, die Mutterschafe führt er behutsam“ (Jes 40,11).

August 15, 2020